Timo Jokiaho von Red Hat im Interview: »Die Dienstleister müssen sich neue Kenntnisse aneignen«

Timo Jokiaho, Leiter Telco Technology Office von Red Hat EMEA, spricht mit CRN darüber, was die ausschlaggebenden Gründe für eine Virtualisierung von Netzwerkfunktionen sind und ob NFV das Potenzial hat, althergebrachte Netzwerke komplett zu verändern.

Timo Jokiaho, Leiter Telco Technology Office von Red Hat EMEA
(Foto: Red Hat)

CRN: Herr Jokiaho, wird das Thema NFV im Markt aktuell stärker wahrgenommen als noch vor einem Jahr?

Timo Jokiaho: In den letzten zwölf Monaten haben wir bedeutende Fortschritte bei der Network Functions Virtualization gesehen. Nach den Proof of Concepts der letzten Jahre nutzen Netzbetreiber jetzt NFV im Betrieb. Dies hat sich auf dem Mobile World Congress 2018 gezeigt, und es wird bereits die Skalierung der in Betrieb befindlichen NFV-Implementierungen thematisiert. Wir sehen auch, dass OpenStack eine kritische Größe als De-facto-Technologie für NFV erreicht hat, die Telekommunikationsunternehmen eine höhere Zuverlässigkeit und geringere Latenz bei großen Installationen bietet. OpenStack ermöglicht Unternehmen und Netzbetreibern, Dienste und Applikationen sowohl in Private- als auch in Public-Cloud-Umgebungen unter Verwendung einer gemeinsamen NFV-Plattform bereitzustellen. Red Hat kündigte auf dem diesjährigen Mobile World Congress beispielsweise eine Zusammenarbeit mit NTT Docomo an, um OpenStack als Virtualisierungsinfrastruktur einzuführen. Zentrales Ziel ist eine größere Flexibilität der Software und eine höhere Agilität der Services. Durch den Einsatz von Red Hat OpenStack Platform benötigt NTT Docomo weniger Hardware, was zu Kosteneinsparungen und einer schnelleren Servicebereitstellung führt.

CRN: Warum konnte sich NFV Ihrer Meinung nach bisher nicht im breiten Markt durchsetzen? Erwarten Sie in einen Marktdurchbruch in absehbarer Zeit?

Jokiaho: NFV bedeutet für die Branche einen großen Umbruch, es ist keine einzelne Funktionalität. Auf technologischer Seite benötigt die NFV-Einführung aufgrund der Komplexität der involvierten Systeme Zeit. Außerdem bedarf es in Bezug auf die Ökosystem-Ebene einer Kooperation vieler Unternehmen aus der Telekommunikationsbranche, da es sich bei NFV um Software handelt, die auf einer gemeinsamen Softwareplattform läuft – und nicht nur um die Installation auf einem proprietären System. NFV erfordert die Zusammenarbeit von Herstellern und Netzbetreibern in offenen Communities, um Software zu entwickeln, die über eine verteilte hybride Netzwerkumgebung hinweg interoperabel ist. Wenn mehrere Parteien beteiligt sind, dauert es auch länger. Und auf Unternehmensebene müssen sich die Dienstleister neue Kenntnisse aneignen, um die neuen Systeme zu entwickeln und zu verwalten. Darüber hinaus sind auch die weitreichenden kulturellen und organisatorischen Auswirkungen eines solchen grundlegenden Wandels zu berücksichtigen.

Trotz dieser Herausforderungen sind deutliche Fortschritte bei der technologischen Entwicklung und der Nutzung von NFV-Lösungen zu verzeichnen – viele Projekte haben den produktiven Betrieb bereits aufgenommen und die Netzbetreiber planen schon einen weiteren Ausbau. Einige berichten offen über Ziele und Fortschritte und nahezu jeder Netzbetreiber arbeitet aktiv an seiner NFV-Strategie. Was unsere angeht, gilt dies etwa für Orange, Verizon, Altice und Three UK, die ihre Pläne erläutern.

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