CRN-Interview mit Ahmad Cheikh-Moussa von Axians: »NFV wird kein reines Provider-Thema bleiben«

Im Interview mit CRN erläutert Ahmad Cheikh-Moussa von Axians Networks & Solutions, wie Network Functions Virtualization (NFV) den Netzwerkmarkt verändert und für welche Anwendungen sich das Konzept eignet.

Ahmad Cheikh-Moussa, Senior Consultant bei Axians Networks & Solutions
(Foto: Axians)

CRN: Herr Cheikh-Moussa, die Virtualisierung einzelner Netzwerkfunktionen kommt gerade in der Realität an. Warum hält Virtualisierung jetzt auch im Netzwerk Einzug?

Ahmad Cheikh-Moussa: Digitalisierung heißt, schnell Dienste zur Verfügung zu stellen. Für Unternehmen mit digitalen Geschäftsmodellen ist es heute essentiell, schnell ein neues Netz und neue Maschinen hochfahren zu können. Das klassische Netz ist dazu jedoch zu langsam. Erst jetzt entwickelt es sich in die entsprechende Richtung. Kunden, die anfangen ihre Geschäftsprozesse zu digitalisieren, kommen an der Lösung nicht vorbei.

CRN: Welche Zielgruppen sind aktuell die Vorreiter in Sachen NFV?

Cheikh-Moussa: Treiber hinter der Entwicklung sind die großen Provider. Sie haben angefangen zu fordern, dass wichtige Netzwerkfunktionen virtualisiert werden. Bisher mussten sie stets überdimensionierte Router, Firewalls und ähnliche Geräte kaufen, die in der Praxis dann meist kaum ausgelastet waren.

CRN: Sehen Sie denn bereits eine nennenswerte Anzahl konkreter NFV-Projekte im Markt?

Cheikh-Moussa: Vor allem bei den großen Providern wie der Telekom oder AT&T gibt es bereits erste Projekte. Für sie lohnt es sich finanziell auch am meisten, einzelne Netzwerkfunktionen zu virtualisieren, denn sie sparen am meisten, wenn es um Hardwarekosten und Wartung geht. Dank NFV können sie etwa einfacher neue Regionen erschließen, da sie keine so großen Vorinvestitionen wie bisher mehr leisten müssen. Für sie reicht es, an den neuen Standort einen Server zu stellen, auf dem ein virtueller Router läuft, statt sich eine komplett neue Infrastruktur aufzubauen.

CRN: Ist NFV auch für andere Zielgruppen interessant?

Cheikh-Moussa: Die großen Provider sind bislang zwar diejenigen, die das Thema am stärksten nachfragen, wir gehen aber nicht davon aus, dass NFV ein reines Provider-Thema bleibt. Auch klassische Enterprise-Unternehmen fangen an, das Thema zu sehen, denn NFV kann auch im Datacenter zum Einsatz kommen. Wir haben schon einige große Enterprise-Kunden, für die wir Managed Services machen und ihre kompletten WAN-Standorte managen.

CRN: Durch NFV müssen Anwender weniger Netzwerkhardware kaufen. Ist der Wunsch, Kosten zu sparen, der ausschlaggebende Grund dafür, Netzwerkfunktionen zu virtualisieren?

Cheikh-Moussa: Kunden brauchen tatsächlich zunächst keine spezifische Hardware mehr, sie können ihre Anwendungen auf jedem beliebigen x86-Server laufen lassen. Die Kosten sind unserer Erfahrung nach aber meistens nicht der ausschlaggebende Punkt. Am Ende muss man doch dieselben Lizenzen zahlen. Wichtiger ist den Kunden der operative Ansatz von NFV, denn er macht den Admins das Leben einfacher.

CRN: Greifen die großen Netzwerkhersteller durch NFV nicht ihr eigenes Kerngeschäft an, weil Kunden weniger klassische Netzwerkprodukte benötigen?

Cheikh-Moussa: Die Hersteller machen zumindest ein Stück weit tatsächlich ihre Einsteigergeräte und Entry-Switches überflüssig. Aber wenn sie es nicht machen, tut es ein anderer. Es ist auch nicht so, dass durch NFV künftig alle großen Core-Geräte ersetzt werden. Dafür ist NFV nicht gemacht. Das Konzept bringt Flexibilität, eignet sich aber vor allem für den unteren Performance-Bereich. Für Anwendungen, für die man eine besonders hohe Performance braucht, ist es weniger geeignet.