Erst das Fressen, dann die Moral: Shitstorm im Wasserglas

Virale Empörungen auf seiner Facebookseite lassen Amazon und andere Firmen kalt. Ein Shitstorm führt selten zum Käuferboykott und schafft erst recht keine systemimmanenten Missstände ab.

(Bild: s047 - fotolia.com)

Nach einer ARD-Reportage über skandalöse Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern bei Amazon brach eine Welle der Empörung über die deutsche Facebook-Seite des größten Etailers herein. Mehr als 2,8 Millionen Facebook-Fans auf der Amazon-Seite sorgten dieses Mal für eine unerwünschte virale Verbreitung der massiven Kritik. Der Tenor reicht von menschenverachtender Sklavenhaltung bis hin zur Verbreitung von Links, wo man sein Amazon-Konto löschen kann. An Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber prallt solche Kritik ab. Auch dann noch, wenn der 46-Jährige Manager in seinem Büro in München-Schwabing auf die Auszeichnung »Fair Company« blickt, die ihm das zum Handelsblatt gehörende Portal Karriere.de verliehen hatte. Zum Geschäftsmodell von Amazon gehört es, dass zwei Drittel der Vollzeitbeschäftigen befristet beschäftigt sind oder als billige Leih- und Saisonarbeiter in den Logistikzentren des Online-Kaufhauses arbeiten.

Ein Shitstorm, wie er nach der Ausstrahlung des kritischen Fernsehbeitrags Amazon traf, wird Kleber nicht dazu bewegen, die angeprangerten Arbeitsbedingungen zu ändern. Überhaupt ist der spontane Protest über Facebook oder andere soziale Netzwerke nicht mehr als ein Sturm im Wasserglas. Langfristig negative Konsequenzen müssen Unternehmen nicht fürchten, auch dann nicht, wenn wütende Verbraucher zurecht kochen. Das mögen PR-Agenturen anders sehen, die spezielle Hotlines gegen Shitstorm-Attacken anpreisen und mit diesen Social Media-Diensten ein ideales Zusatzgeschäft wittern.

Kommunikationsexperten sind sich einig, dass die Welle der Entrüstung im Internet ebenso schnell abebbt wie sie im Zeitalter sozialer Netzwerke unvermittelt über Unternehmen hereinbrechen kann. Zwei Wochen noch muss Amazon mit Ausläufern des aktuellen Shitstorms rechnen, sagt Frank Roselieb, geschäftsführender Direktor vom Krisennavigator am Kieler Institut für Krisenforschung. Dann habe sich das Thema um skandalöse Arbeitsbedingungen bei Amazon erledigt. »Da kann die Gewerkschaft verdi machen, was sie will«. Langfristig negative Folgen fürs Geschäft muss Amazon trotz der veritablen Kommunikationskrise nicht fürchten. Denn »Verbraucherempörung mündet nur selten auch in entsprechendes Verbraucherverhalten«, berichtet Roselieb.

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