Tobias Groten ? ein Portrait: Rasender Stubenhocker

Tobias Groten ? ein Portrait: Rasender Stubenhocker. Er ist Geschäftsführer von Tobit-Software mit gut einer halben Million Kunden und doch fast immer zu Hause. Sein durchschnittlicher Aktionsradius beträgt grade mal gute 700 Meter. Weshalb sollte er auch wegfahren? Alles, was Tobias Groten gerne mag, hat er in Ahaus: seine Familie, seine Freunde, sein Unternehmen.

Tobias Groten ? ein Portrait: Rasender Stubenhocker

Zu Hause, das ist für Tobias Groten seit 37 Jahren Ahaus. 38.000 Einwohner. Für Großstädter unzumutbares Niemandsland. Wenn das westmünsterländische Kaff nahe der niederländischen Grenze von sich reden macht, dann höchstens wenn ein paar Kastor-Transporter leise auf den Gleisen gleich hinter dem Tobit-Gebäude vorbei rollen. Sonst ist hier alles garantiert sicher und still. Außer wenn Herr Groten einen seiner seltenen Anfälle von Bewegungsdrang auslebt. Mit Tempo 300 auf der Autobahn. Mit seinem kleinen, schwarzen Sportflitzer. Um fünf Uhr morgens. Freie Fahrt für sehr freie Bürger! Die Fahrt muss nicht notwendigerweise an ein bestimmtes Ziel führen, schließlich hat Groten alles was er braucht in Gehweite: Die Kneipe, das Büro, das Haus, und die Familie mit den vier Kindern.

Klar, dass so einer auf O2 schwört. Der »Homezone«-Tarif ist wie für Groten gemacht: Telefon zum Ortstarif überall, wo er sich normalerweise aufhält. In der »Homezone« bleiben, heißt bei Groten allerdings nicht tatenlos in der Stube hocken. In der Regel birst der Mann vor Tatendrang. In seinem Umfeld muss immer was los sein, muss sich was verändern. Deshalb müssen sich Tobit-Besucher ihren Weg zum Empfang auch regelmäßig durch Abdeckplanen und Farbeimer ertasten, wenn der Chef mal wieder Umbau angesagt hat. Mal ist es das Lager, mal die Empfangshalle, mal das Bistro. »Das ist bei uns an der Tagesordnung«, bestätigt Marketing-Mann Mathias Wässle.

Noch größeren Spaß hat der Chef allenfalls an seinen eigenen Musik-Events. Regelmäßig holt er Punk-, Rock- und Jazz-Bands ins Ahauser Jugendkulturzentrum. Eine Nummer größer ist das inzwischen legendäre Open-Air-Festival »After Dark« auf dem Ahauser Schloss, das Groten mit seinem eigenen Messebau-Team auf die Beine gestellt hat. Inzwischen lockt er mit Popgrößen wie James Brown, Joe Cocker oder Toto Tausende Besucher aus ganz Deutschland ins Westmünsterländer Outback.

Der Gipfel aber ? zumindest für die Kollegen aus der IT-Branche ? sind die jährlichen Tobit-Feten auf Cebit und Systems. Bei keiner anderen Standfete fließen tausende Liter Freibier, nirgendwo verlieren Abend für Abend Armani- und Gucci-uniformierte Top-Manager derart die Contenance, reißen sich die Krawatten vom Hals, gröhlen zum heißen Beat und rocken ab.

Groten findet: »Ich werde dafür bezahlt, unruhig zu sein.« Doch selbst wenn er kein Geld dafür bekäme, wäre er es: Diese Unruhe gehört zu ihm. Unruhe bedeutet bei ihm allerdings nicht Stress. Kein Tobit-Mitarbeiter kann sich erinnern, Tobias Groten jemals »gestresst« erlebt zu haben. »Stress«, wenn er dieses Wort hört, setzt Groten eine mitleidige Miene auf und fragt: »Was ist das?« Ihn stresst niemand, denn niemand wolle was von ihm. »Im Gegenteil, ich habe doch eine ganze Menge Leute, die alles Mögliche für mich tun. Ich steuere und sage, wo es lang geht«. »Denn für Mitarbeiter«, da ist Groten sicher, »gibt es nichts Schlimmeres als richtungslos zu sein«. Und so beschäftigt sich der Chef tagaus, tagein mit der Richtung, in die Produkte und Unternehmen gehen sollen.

In seinem Tobit-Reich herrscht Groten ganz allein. Er hat es allein gegründet, ist allein im Vorstand, ihm gehören allein 85 Prozent der Tobit-Aktien. Groten entscheidet allein. Und zwar unauffällig. Er spielt nicht in vorderster Front auf der Bühne, er lässt spielen. Aber er packt auch selbst mit an: Wie etwa, wenn er wie beim After-Dark-Open-Air auf die Lautsprechertürme steigt und die Technik zum Funktionieren bringt statt sich als Gastgeber auf der Bühne feiern zu lassen. Oder sich eher mit dem zickigen James Brown herumstreitet, statt sich mit ihm ablichten zu lassen. »Auf der Bühne vermisst mich keiner«, versichert Groten. Wichtiger ist, dass es läuft.

Anpacken ist auch für die Mitarbeiter oberstes Gebot. »Dabei soll jeder das machen, was er kann und was ihm Spaß macht«, sagt der Chef. Wenn er im Rahmen bleibt. »Unser Chef steckt lediglich die Grenzen, in denen jeder agieren kann«, bestätigt Thomas Wässle. Grotens Motto »Hauptsache, es macht Spaß«, soll auch bei den Mitarbeitern gelten. So ist Tobit nicht einfach ein Software-Unternehmen. Es ist Kino, Kneipe, Hotel, Schlosserei, Gärtnerei und natürlich Software-Firma.

Diese Firmenzuwächse vollziehen sich mitunter in Sekundenschnelle. Als sich keine geeignete Messebaugesellschaft im Umfeld von Ahaus fand, fragte Groten in der eigenen Firma, wer so was in die Hand nehmen wollte: Andreas »Rudi« Rudolphi fand, das könne ihm Spaß machen und schon besaß Tobit eine eigene Messebau-Abteilung. Nach eben diesem Muster entstand die Tobit-PR-Agentur, die Tobit-Kantine, in der an Fußball-Wochenenden auch Ahauser Siege und Niederlagen mit einem Pils begießen können oder das Tobit-Hotel.

»Unsere Qualifikation bei Tobit ist der Ehrgeiz, etwas gut zu machen«, erklärt Groten. Kennzeichnend für die Firma sei das Wohlfühlambiente. Das spüren auch Kurzzeitgäste: Wer in der gemütlichen Kantine mit Bistro-Charakter auf der Terrasse unter Tobit-Mitarbeitern seinen Latte Macchiato schlürft und den schnäbelnden Enten auf dem künstlichen Teich zuschaut, bei dem könnte fast ein bisschen Urlaubsstimmung aufkommen. »Wir haben hier keine typische Arbeitssituation«, betont Groten. Er will, dass sich die Mitarbeiter wohl fühlen, in der Kantine und im Büro. Er weiß: »Für mich rechnet sich das.«

Genauso wenig wie eine typische Arbeit gibt es bei Familie Groten eine typische Familiensituation, in der Papa tags arbeitet, abends nach Hause kommt. Die regelmäßigen Besuche der Kinderschar in Papas Büro gehören für die Mitarbeiter schon fast dazu. Und auch das Einfamilienhaus hat mit einem normalen Einfamilienhaus wenig zu tun: Dieses Haus erregt Aufsehen, Spiegel und c´t haben es mit Reportagen gewürdigt. Da ist der Video-überwachte Spielplatz, der Internet-Kühlschrank, der feuchtigkeitsgesteuerte Rasensprenger. Die intelligente Mülltonne spendiert dem pünktlichen Müllmann einen Kasten Bier. Der Pizzadienst lässt die Quattro Stagione in den Wärmebriefkasten gleiten, und sonnengesteuerte Jalousien wissen von selbst, wann sie rauf und runterfahren müssen, um die Grotens vor Sonnenbrand und Blendeffekten am Monitor zu schützen. Das prozessorgesteuerte Techno-Leben goutieren angeblich auch die Kinder. »Die Kinder kennen das nicht anders«, sagt Groten. Schon mit zwei Jahren hätten sie mit der Maus umgehen können. »Es sind einzig die Verbote, die vieles erst interessant machen. Und die gibt?s bei uns nicht.«

Groten zählt eben zu den berühmten »Computer-Kids« der Achtziger, ein Status, den er kontinuierlich und konsequent ausgebaut hat. Während seine Altersgenossen von chromglänzenden Motorrädern träumten, stotterte er seinen ersten Rechner ab, den er mit zwölf gekauft hatte: Die Eltern gewährten einen Kredit von 13.000 Mark, mit Spiele-Programmieren beschaffte er die Raten. Doch bald widmet sich der junge Tobias nutzbringenderen Projekten: Sein Erstlingswerk, eine Schweinefütterungssoftware, machte von sich reden. »Es hat sich schnell rumgesprochen, dass ich Ahnung hab«, erzählt Groten. Und so gründete er noch während seiner Schulzeit seine erste Firma. Heute scherzt er: »Wenn ich zehn Jahr älter wäre, hätte ich Gates Konkurrenz gemacht.«

Nach dem Erfolgsprinzip von damals verfährt Groten auch heute noch bei der Entwicklung neuer Software: Zuhören, was die Menschen wollen, von was sie träumen und ihnen genau das anbieten. Mit seiner Schweinemast-Software hat er es vorgemacht: Die Schweinebauern im Ahauser Umland waren überzeugt, so etwas zu brauchen ? Groten lieferte es. Dass die Schweinemäster etwas Neues suchten, hatte er in der Kneipe mitbekommen.

Biertratsch war und ist die beste Informationsquelle

»Biertratsch war und ist die beste Informationsquelle, um zu erfahren, was Menschen wirklich wünschen«, versichert Groten. Wie gut, dass er ausgerechnet da am liebsten auf Ideenfang geht. Da kann er von seiner Bodenständigkeit profitieren, von seiner Nähe zu den Nachbarn und Ahauser Bürger. Deren Vorliebe für Bier und den Lebensraum Pilskneipe teilt er aus ganzem Herzen.

Groten ist ein Biermensch, das bestätigen alle, die ihn kennen. Wein ist ihm zu elegant, zu gekünstelt. Er ist zwar Weltmann und Profi genug, seine Kunden durchaus in erlesene Gourmet-Tempel wie etwa den Münchner Königshof auszuführen. Doch wo seine wirklichen Neigungen liegen, das offenbart der erleichterte Gesichtsausdruck des Tobit-Chefs, wenn er die heiligen Restauranthallen und die kritischen Blicke des Sommeliers hinter sich lassen kann. In der Hotelbar angekommen, bestellt er mit neu erwachtem Schwung eine Runde Pils.

Und wer außer einem Bierliebhaber käme auf die Schnapsidee, zu Weihnachten einen Bier-Adventskalender zu verschenken? So geschehen 2001: In diesem denkwürdigen Advent konnten Tobit-Kunden jeden Adventstag mit einem frischen Veltins auf die edlen Spender anstoßen. Für die vorweihnachtlichen Marketing-Planungen sicherlich kreativitätsfördernder als klebrige Schoko-Weihnachtsmänner.

Übrigens hätte das konservative Lehrerkollegium des Ahauser Gymnasiums der Blitzkarriere des jungen Tobias damals fast einen Strich durch die Rechnung gemacht. Kurz vor dem Abi stellt die Schule den jungen Unternehmer vor die Alternative: Abitur oder Firma. »Firma«, sagte Groten, und die Geschichte konnte weitergehen. Und so führen heute Ahauser Lehrer ehrfurchtsvoll ihre Klassen durch die vollklimatisierten Räume des vollautomatisierten Tobit-Hauses auf dem voll erschlossenen Tobit-Firmengelände und versäumen nicht, ihre Schüler darauf hinzuweisen, dass dies alles das Werk des berühmten, ehemaligen Ahauser Schülers Tobias Groten sei.