Zum Steuerzahlergedenktag: Der halbierte Euro

»Soll man eine Bombe ins Finanzamt werfen«? Franz Konz war die meist gehasste Person beim Fiskus. Sein Traum vom Zehnten für Vater Staat bleibt wohl eine Utopie.

Von 1 Euro Lohn in 2015 bleiben in den Taschen der zu Lohn- und Einkommenssteuer verpflichteten Bürger 47,6 Cent übrig
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Seinen millionenfach verkauften Ratgeber »1.000 ganz legale Steuertricks« nannte Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal eine »Zusammenfassung aller Steuerschlupflöcher«. Ein Kompliment und eine späte Genugtuung für den Autor Franz Konz. Das Standardwerk für Millionen Lohnabhängiger gilt als die Bibel des Steuersparens oder wurde vom kleinen Mann wahlweise als Sportanleitung gelesen, wie man dem Räuberhandwerk des gierigen Staates und seiner Fiskalgehilfen wenigstens ein klein wenig entkommen könne. Als Konz noch selber schrieb, verstand es dieser Robin Hood der Steuergerechtigkeit sprachlich auf amüsante Weise, den Steuerspar-Ehrgeiz des ahnungslos staunenden Kleinbürgers anzufachen, der angesichts praktischer Steuerfreiheit für das Großkapital um Fassung rang und heute noch ringt.

Das Werk war damals mehr als nur ein trockener Ratgeber. Konz lieferte mit dem technischen Rüstzeug der Steuervermeidung immer auch die ideologische Grundlage mit im Kampf für die Restitution jenes sauer verdienten Teils, das der moderne Staat bis heute in einer Höhe vereinnahmt, die selbst dem übelsten Lehnsherren im Mittelalter den Atem verschlagen hätte. Intellektuelle spotten über derlei Fixierung aufs Geld und entlarven die moralisch doppelbödige Natur des Steuerspar-Spießbürgers, der im Konz Antwort auf die Frage sucht, ob sich die Kosten für eine Therapie der Inzest-Geschädigten Tochter von der Steuer absetzen lassen. Eine Sozialgeschichte des Geizes wäre um diese Kapitel niederer Instinkte zu erweitern.

»Geistreich« war der gelernten Steuerinspektor und Marketingprofi Konz hingegen nur da, wo man mit einfachen Bildern die staatliche Übervorteilung anprangern konnte. »Soll man eine Bombe ins Finanzamt werfen?«, so die Reklame der Postwurfsendung, die sein Werk schlagartige bekannt und umstritten machte. Dass der Staat Konz wegen Anstiftung zur Steuerhinterziehung in den Knast steckte, schadete seiner Popularität (und seinem Geldbeutel) nicht. Sogar seine Forderung nach einem pauschalen Steuersatz für alle Einkommen fand später Eingang in Paul Kirchhofs radikal einfaches Steuersystem.

Statt zehn Prozent, wie Konz bis zu seinem Tod 2013 propagierte, empfahl Kirchhof einen einheitlichen Steuersatz ohne Tricksereien von 25 Prozent – von der Putzfrau bis hin zu Frau Schäffler, der reichsten Unternehmerin Deutschlands. Bekanntermaßen fand Kirchhof und seine »Bierdeckel-Revolution« (Spiegel) nicht statt.

Wenn an diesem Samstag der Bund der Steuerzahler zum Steuerzahlergedenktag aufruft, darf eine nüchterne Zahl nicht fehlen. Von 1 Euro Lohn in 2015 bleiben in den Taschen der zu Lohn- und Einkommenssteuer verpflichteten Bürger 47,6 Cent übrig. Das ist immerhin 0,3 Prozent mehr als noch im Vorjahr. Eine gute Reklame für Steuerratgeber ist diese Quote nicht.

Das kommt eben davon, wenn der Staat die Anarchie umarmt und Klassiker wie »1.000 ganz legale Steuertricks« längst von Beamten der Finanzverwaltung geschrieben werden.