Terrorismusbekämpfung mit Folgen: Es wird eng für kleine Händler

Seit dem 1. Juli 2017 ist der § 111 TKG (Telekommunikationsgesetz) in Kraft getreten und mit ihm eine deutliche Verschärfung der Vertriebsbedingungen für den Handel. Kann das gutgehen?

Beim Video-Ident-Verfahren überprüft ein Mitarbeiter in einem Video-Chat unter Einsatz spezieller Software das Ausweisdokument und die Identität des Nutzers.
(Foto: IDnow GmbH)

Nun ist es soweit. Seit dem 1. Juli 2017 ist der § 111 TKG (Telekommunikationsgesetz) in Kraft getreten. Die entsprechende Regelung hat der Bundestag bereits 2016 im Rahmen des Anti-Terror-Pakets beschlossen. Bei der Vermarktung von Mobilfunk-Produkten muss der Anbieter künftig die Identität des Kunden anhand eines Ausweisdokuments verbindlich prüfen. Das gilt insbesondere für Prepaid-Karten, die Schätzungen zufolge immerhin rund 47 Prozent am Gesamtmarkt ausmachen. Durch die Prüfung sollen Behörden später eindeutig feststellen können, wem eine bestimmte SIM-Karte gehört. So soll verhindert werden, dass Terroristen die Karten wie bisher anonym kaufen und nutzen können.

Für den Handel ist das mit massivem Mehraufwand verbunden. Einige sagen dem Prepaid-Markt bereits den Kollaps voraus. Nach einer Schätzung des Bundeswirtschaftsministeriums könnten bei 16 Millionen pro Jahr verkauften Prepaidkarten rund 40 Millionen Euro an Zusatzkosten anfallen. Händler müssen künftig einen vergleichsweise hohen Aufwand betreiben. Gerade für kleinere Händler kann das zum Problem werden. Denn eines steht bereits zum Start fest: Der Zeitaufwand für die neue Prüfung wird dem schnellen Geschäft mit Prepaid wohl ein Ende setzen.

Im Prinzip gibt es derzeit drei Möglichkeiten, anhand derer die Identitätsprüfung durchgeführt werden kann. Zum einen kann die Identität des Kunden vor Ort von einem Mitarbeiter überprüft werden. Der benötigt dazu eine spezielle Schulung. Auch die Aktivierung per Post-Ident-Verfahren ist möglich. Allerdings ist das für den Kunden mit hohem Aufwand verbunden, da er dazu eine Postfiliale oder eine andere dazu berechtigte Stelle aufsuchen muss. Als dritte Variante gibt es das Video-Ident-Verfahren, das beispielsweise von IDnow und Web ID angeboten wird. Dieses Verfahren ist in Deutschland seit 2014 zugelassen und wird bereits im Bereich der Banken angewendet. Will ein Kunde seine SIM-Karte freischalten, überprüft ein Mitarbeiter einem Video-Chat unter Einsatz spezieller Software das Ausweisdokument und die Identität des Nutzers. Ist die Legitimation erfolgreich, wird die SIM-Karte sofort freigeschaltet. Laut dem Anbieter IDnow dauert dieser Vorgang nur wenige Minuten und entweder über W-LAN oder direkt über die gekaufte Prepaid-Karte durchgeführt werden.

Mobilfunkbetreiber vorbereitet

Die großen Anbieter sind auf die neue Situation vorbereitet. So bietet etwa Aldi Süd seinen Neukunden eine Identifizierung direkt in der Filiale an. Alternativ ist sie per Videochat über die Seite des Discounters sowie in den Filialen der Deutschen Post sowie ausgewählten Sparkassen-Filialen und DPD-Shops möglich. Andere Anbieter von Prepaid-Karten halten das für zu aufwändig und verweisen auf die Mobilfunkbetreiber.

Die Telekommunikationsanbieter wie Telekom, Vodafone und Telefónica haben sich auf den Stichtag vorbereitet. In den Shops wird das Ausweisdokument des Kunden von einem geschulten Mitarbeiter auf Echtheit geprüft und verglichen, ob der Kunde im Laden tatsächlich der Inhaber des Ausweises ist. Danach werden die Daten zum Check in die jeweiligen Prüfungscenter gesendet.

Vodafone betont, dass die Prepaidkarten in allen Kanälen erwerbbar bleiben sollen. Wenn die SIM-Karte im Fachhandel gekauft worden sei, erhalte der Kunde direkt eine E-Mail mit einem Link zur Video-Identifizierung zugeschickt. Ab dann hat er 14 Tage lang Zeit, die Karte per Video freizuschalten. Wird die Karte online gekauft, könne sich der Kunde entweder direkt oder nach Erhalt der SIM-Karte innerhalb von zwei Wochen via Video identifizieren. Auch die Telekom setzt auf Video-Ident-Verfahren, um Prepaid-Kunden freizuschalten, die ihre Karte im Onlineshop, an Tankstellen oder in Supermärkten gekauft haben. Im Video-Chat hält der Kunde sein Ausweisdokument in die Kamera und es wird geprüft, erst danach wird die Prepaid-Karte aktiviert.

Ob diese Verfahren praktikabel sind, wird sich erst in den nächsten Wochen zeigen. Es scheint aber fast schon absehbar, dass die Kunden künftig lieber in den Shops der Mobilfunkanbieter kaufen werden, statt selbst aktiv werden zu müssen. Kritiker bemängeln bereits jetzt, dass Händler auf den hohen Kosten für die Verfahren sitzen bleiben werden. Prepaid-Verkauf werde sich gerade für die kleineren Händler künftig kaum noch lohnen, so die Befürchtung.

Kommentare (1) Alle Kommentare

Antwort von ff , 06:23 Uhr

wenn die Aktivierung aus den verschiedensten Gründen fehlschlägt, hat momentan der Kunde die Arschkarte, weil sich der Händler weigern kann, geöffnete Packungen zurückzunehmen.