Gastkommentar: Bildung muss offen sein: Windows 10 S ist ein Angriff auf die Freiheit der Lehre

Mit Windows 10 S peilt Microsoft vor allem den Bildungssektor an. Peter Ganten, CEO der Univention GmbH und Vorsitzender der Open Source Business Alliance, hält das günstige Betriebssystem jedoch für ein Trojanisches Pferd, das gefährliche Abhängigkeiten schafft.

Univention-CEO Peter Ganten ist auch Vorsitzender der Open Source Business Alliance
(Foto: Univention)

Europa begibt sich gerade mit Riesenschritten in die Abhängigkeit von Microsoft – so das Ergebnis einer umfassenden Recherche von Investigate Europe. Nun will das Unternehmen mit Windows 10 S den Bildungsmarkt erobern – doch hinterlässt das neue »Schüler-Betriebssystem« bereits kurz nach der Ankündigung einen faden Beigeschmack: Standard-Browser und -Suchmaschine sind unveränderbar festgelegt und es dürfen lediglich Apps aus dem Microsoft Store installiert werden. Diese Beschränkungen sind eine Gängelung, die früher oder später auch im Bildungsbereich in die Abhängigkeit führt. Darüber hinaus wird Microsoft – ähnlich wie Google mit dem Chromebook oder Apple mit dem iPad – damit zum Gatekeeper für Geräte, Software und Inhalte, die im Bildungsbereich genutzt werden dürfen.

Streng genommen ist dies sogar ein Angriff auf die Freiheit der Lehre, denn Kultusministerien und Schulen sollten frei entscheiden können, mit welchen Werkzeugen sie Lehrinhalte vermitteln wollen. Zwang und unnötige Beschränkungen sind hier absolut fehl am Platz, denn Schüler sollten nicht nur den Umgang mit Microsoft genehmen Programmen lernen. Zudem steht das Softwareunternehmen mit seiner Produktpolitik rund um Windows 10 S in Widerspruch zum erst im vergangenen Dezember von den Kultusministern vorlegten Strategiepapier zur Bildung in der digitalen Welt, in dem sie auf eine strikte Plattformneutralität für alle Geräte setzen. Und genau darin liegt das Problem: Die Politik muss erst einmal erkennen, welche Risiken geschlossene Software mit sich bringt. Verantwortliche in Ministerien sollten sich gründlich überlegen, ob sie mit einer kurzfristigen Budgetersparnis die Freiheit der Lehre und eine langfristige Abhängigkeit von einzelnen Softwareherstellern riskieren wollen – auch in finanzieller Hinsicht.

Die Google Chromebooks haben sich in Deutschland bisher nicht durchgesetzt und es bleibt zu hoffen, dass Ministerien auch den Einsatz von Windows 10 S überdenken. Open Source hingegen unterstützt Wahlfreiheit in puncto Software und kann durch frei zugänglichen Code jederzeit eigenständig weiterentwickelt werden. Die Politik sollte sich endlich stärker mit dem Thema beschäftigen und bisher verwendete Technologien in allen staatlichen IT-Infrastrukturen kritisch auf den Prüfstand stellen – auch über das Bildungswesen hinaus.

Kommentare (1) Alle Kommentare

Antwort von Michael Thedens , 10:14 Uhr

Moin zusammen,

diese Argumentation halte ich für nicht schlüssig. Es gibt drei große Anbieter von Betriebssystemen und Bildungslösungen: Apple, Google und Microsoft. Jedes Betriebssystem schränkt auf seine Weise ein. Das gilt auch für Linux und Open Source. Wenn jedoch Herr Ganten eine solche Bedrohung darin sieht, so kann er ja gerne mit den entsprechenden Herstellern/Systemhäusern/Bündnissen (z.B. Bündnis für Bildung) für eine solche Lösung werben. Viel wichtiger, aus meiner bescheidenen Sicht, ist jedoch OER (Open Educational Ressources) - sprich frei verfügbare Bildungsinhalte. Fakt ist doch, dass in der Gegenwart und Vergangenheit Schule sich in Abhängigkeiten von Bildungsinhalte-Lieferanten begeben hat. Da spricht jedoch keiner darüber.

Und jetzt wünsche ich einen schönen Brückentag und ein schönes Wochenende.

Gruß

Michael Thedens