Distributoren empört über Amazon: Amazon-Lieferanten im Würgegriff

Distributoren erheben massive Vorwürfe gegen Amazon: Rechnungen bleiben unbeglichen, werden wegen angeblicher Lieferverstöße gekürzt, Waren verschwinden trotz dokumentierter Zustellung. Gegenüber CRN packen Grossisten aus, der Frust sitzt tief.

30 Prozent Marktanteil: Amazon ist mit weitem Abstand vor Ebay und Alibaba der weltweit führende E-Commerce-Händler. Diese Marktmacht bekommen Lieferanten knallhart zu spüren.

Letzte Novemberwoche herrschte Festtagsstimmung bei Amazon schon vor dem Fest: Die Cyber-Monday-Woche war die bislang erfolgreichste »Schnäppchenschlacht« hierzulande, meldet Amazon stolz. Fast 14 Millionen Artikel hat der Etailer hierzulande im eigenen Warenbestand – darunter bereits eine Million Lebensmittel in nur wenigen Monaten nach dem Start des hauseigenen Lieferdienstes Fresh in Berlin, Hamburg und unlängst in München. Dazu kommen »mehrere zehn Millionen Artikel« der insgesamt 64.000 Marketplace-Händler. Amazon ist die weltweit größte E-Commerce-Plattform und glänzt in puncto Warenangebot, schnellste Lieferung sowie unkomplizierte und kulante Retouren durch besonders vorbildliche Services für Käufer. Aber den Preis für diese vorbildliche Kundenorientierung bezahlen zu großen Teilen Amazons Zulieferer.

»Amazon spielt seine Marktmacht gegenüber Lieferanten gnadenlos aus«, berichtet ein Distributor, der seit gut einem Jahr auf offenen Forderungen in siebenstelliger Höhe sitzt. »Mal wird ein Teilbetrag bezahlt, oft werden aber Rechnungen ohne Angabe von Gründen nicht beglichen.« Ein Einzelfall ist das nicht, wie zahlreiche Distributoren gegenüber CRN beteuern.

Warenschwund
Nur unter Zusage, keine Namen zu nennen, nicht einmal die Region oder das Segment mit der Firma in Verbindung zu bringen, waren Distributoren bereit, CRN umfassend über Amazons Geschäftsgebaren zu berichten. Details über Lieferung, Zahlung, Kommunikation, teils auch Spekulationen über ein »System Amazon«, die CRN in zahlreichen Hintergrundgesprächen von Grossisten erfuhr, ähneln sich frappierend. Der Frust sitzt tief bei Amazons Zulieferern aus der deutschen Distribution. Es fallen harte Vorwürfe: Es ist von »Methode« die Rede, von »Inventur-Gewinnen«, gar von »organisiertem Betrug«.

Übereinstimmend berichten Grossisten, dass Amazon in vielen Fällen ihre Rechnungen nicht bezahlt – mit Verweis darauf, die Waren nie erhalten zu haben. »Amazon behauptet, sie hätten die Ware gar nicht oder nicht vollständig bekommen. Unsere detaillierten Nachweise über die Richtigkeit der Zustellung werden nicht anerkannt«, sagt ein betroffener Grossist, dessen Forderungen im niedrigen sechsstelligen Bereich liegen. Amazon akzeptiere selbst solche Belege nicht, wenn Waren per Sicherheitstransport zugestellt würden. »Da helfen keine besonderen Maßnahmen, weder die Verplombung eines Lkw noch Videoaufnahmen der Entladung«, ergänzt ein Distributions-Geschäftsführer, der seit knapp zehn Jahren das Amazon-Geschäft verantwortet. Die Kontrolle des Distributors über den Warenfluss ende an der Rampe des Amazon-Logistikzentrums. »Ab da ist Amazon Herr der Daten, nicht mehr wir Lieferanten«, heißt es weiter.

In einem Fall, berichtet ein anderer Distributor, habe er Amazon mitgeteilt, dass er seine verschwundene Warensendung über mehrere Hundert Smartphones, die er zweifelsfrei zugestellt habe, zur Anzeige bringen wolle. Man könne ja über die IMEI die Geräte eindeutig identifizieren, wenn sie in Betrieb genommen würden. »Amazon hat es uns untersagt, den Fall bei der Polizei zu melden.«

Auf Nachfrage von CRN spricht Amazon von »Missverständnissen« und erläutert seinerseits, wie der Wareneingang dokumentiert wird. »Um die zügige Bearbeitung jeder Anlieferung zu gewährleisten, prüft und bestätigt Amazon im ersten Schritt lediglich die Anzahl der angelieferten Paletten. Die Qualitätskontrolle auf Vollständigkeit, Richtigkeit und Unversehrtheit der Ware findet in den weiteren Schritten statt«, erläutert Amazon.

Einige der von CRN befragten Distributoren beliefern Amazon in ganz Europa. So stellt sich die Frage, ob der Warenschwund ein generelles Problem in den Amazon-Hubs ist oder ob es regionale Unterschiede gibt. Man habe »besonders schlechte Erfahrungen mit Amazon Deutschland sowie den Ländern Polen und Tschechien gemacht«, die von Amazon Deutschland betreut werden, sagt ein Distributor. »Erstaunlicherweise gibt es mit Amazon in Italien, Spanien und Großbritannien weniger Probleme.«

Dieser Grossist, der vor einigen Jahren eine Lagerführung bei Amazon mitgemacht habe, spricht von einer »chaotischen Lagerhaltung«. Das könne ein Grund für die Problematik sein, vermutet er. »Da liegen Prozessoren neben Spülmitteln und Schokolade herum.« Dabei würde es dieser Lieferant eigenen Aussagen zufolge Amazon »so einfach« machen: »Wir zeichnen alles genau aus, die müssen nur scannen, um zu wissen, was unsere Sendung enthält.«
Lange Straflisten

Stetige Warenverfügbarkeit und eine einwandfreie Verpackung gehören zu den zwei wichtigsten Kriterien bei Amazon, um kaufende Kunden schnell und zur größten Zufriedenheit beliefern zu können. Entsprechend streng sanktioniert Amazon seine Lieferanten mit Strafzahlungen, wenn sie gegen Anlieferungs- und Verpackungsbestimmungen verstoßen. Wann das der Fall ist und für welche Vergehen Lieferanten Rechnungskürzungen in Kauf nehmen müssen, bestimme Amazon. »Alle vier Wochen erhalten wir eine Liste mit Strafzahlungen. Etwa weil das Zeitfenster bei der Anlieferung nicht eingehalten wurde, Teile der Ware beschädigt sein sollen, nicht richtig gelabelt oder ins falsche Lager geliefert worden seien«, berichtet ein Distributor, der sagt, es gebe niemanden in der Branche, »der keine Leidensgeschichte mit Amazon hat«. Reihenweise ziehe Amazon Pauschalen von 500 Euro von den Rechnungen ab. »Das ist völlig intransparent und willkürlich.«

Selbst Versuche, den Spediteur zu wechseln und Waren von mit Amazon zertifizierten Logistiker zustellen zu lassen, damit möglichst wenig schiefläuft, »hat kaum geholfen«, berichtet der Vertriebsleiter. Dieser Vorwurf ist nicht neu. Bereits 2013 hatte die »Deutsche Verkehrs-Zeitung« über haltlose Zustände bei der Warenanlieferung berichtet und spekuliert, dass Amazon »durch Vertragsstrafen eine eigene Form der Einnahmequelle zu generieren« versuche. Geändert hat sich seither wenig.

Kommentare (15) Alle Kommentare

Antwort von Kathrin , 06:36 Uhr

Das Problem ist, dass das Amazon System total undurchsichtig ist.

1. Obwohl 3,90 EUR als Kosten angegeben ist, wird ploetzlich dauernd 4,90 EUR verrechnet

2. Mengen vom Lager sind ploetzlich verschwunden, und keiner beantwortet dir die Frage, wo die Ware ploetzlich hin ist

3. Auch unklar ist, wie die Retouren von den Kunden verrechnet werden

4. Wir wollen gerade unsere Ware zurueckholen, aber sind auf Teflon gestossen, keiner in Amazon kuemmert sich darum, die Ware kommt nicht mehr zurueck, und jeden Tag bekommt man ein nutzloses Email von einem anderen Angestellten, der generell kein Interesse hat, sondern nur schreibt: Hallo Ich heisse Dirk , Sie haben dieses Papier nicht ausgefuellt… Obwohl wir schon 1000x mal dieses Papier an alle Angestellten davor geschickt haben.

Es handelt sich hier um ein echtes Mafia System, nach einem halben Jahr Liefern an Amazon haben wir mal nachgerechnet und festgestellt, dass die Verluste viel hoeher sind als die Gewinne. Dies passiert, da verschiedene Sachen unrechtmaessig verrechnet werden, aber diese Reklamationen werden nicht geloest. Wir haben nach 2 Monaten immer noch keine Antwort, warum ploeztlich die Lagermengen nicht mehr stimmen.

AUF KEINEN FALL AN AMAZON LIEFERN!!! NUR VERLUST !!!!

Antwort von Romida , 09:09 Uhr

Es ist ein schöner Bericht über das Verhalten von Amazon, aber auch von den Distributoren.

Es stellen sich mir dadurch nur mehrere Fragen an die Distributoren:

- Warum machen die Distributoren das denn mit, wenn es so schrecklich ist.

- Wieso unterstützen Sie nicht lieber dann die kleinen Händler mit fairen Preisen

- Seit Jahren sagen sie Sie können nichts gegen die Preise der Hersteller machen,

wann werden Sie endlich aktiv.

- obwohl Ihnen die Mehrzahl der kleinen Händler immer wieder sagt dass Sie inzwischen nur noch

über Amazon bestellen, reagieren Sie darauf mit Ihrer Preisgestaltung ebenfalls nicht.

- Sie nehmen in Kauf Ihre Firma zu ruinieren, nur weil Sie weiter an Amazon verkaufen, statt an kleine

Händler.

Ich bin jetzt seit 14 Jahren Händler und habe die Diskussion über die Schweinepreise mit bekommen, danach sind viele kleine Händler verschwunden,

und der Rest hat reagiert und bei Amazon oder ähnlichem eingekauft.

Warum soll es uns jucken wenn die Distributoren sich verabschieden und abgewickelt werden.

Hat es einen Distributor gejuckt das die kleinen Händler sterben.

Ich sehe es so heute Amazon, morgen vielleicht ein anderer, am Ende wird der Druck auf die Hersteller kommen.

Von denen dann irgendein Onliner Preise verlangt zu dem Sie die Ware nicht mehr herstellen können, dann sind danach halt einige Hersteller weniger auf dem Markt.

Nur noch eins gebe ich zu Bedenken, ich als kleiner Händler kann keine Macht auf den Markt ausüben, ich muss schnell reagieren wenn ich überleben will.

Und wenn ein Unternehmen mir die gleiche Ware zu wesentlich besseren Bedingungen liefert, muss ich möglichst schnell zu dem wechseln, damit ich überlebe.

Denn dem Kunden ist es egal wo ich meine Ware herbekomme, nur der Preis und die Leistung bzw. der Service muss stimmen.

Und dann kann ich mir es nicht leisten Ware die teurerer als der Fertige Preis (Preis der Ware + MwSt. + Versand + Maut) bei einem Onliner ist bei einer Distribution zu kaufen.

Antwort von P. Wolff , 09:22 Uhr

Hervorragender Artikel - bildet 1:1 unser Tagesgeschäft ab !!!