Lars, but not Least: Die Kehrseite des Erfolgs:
CES: Konsum auf Kosten der Ärmsten

von Lars Bube (lars.bube@crn.de)

12.01.2012

Die vor glitzernden Bildern und technischen Superlativen nur so strotzenden Berichte von der CES als einer der größten Konsummessen der Welt, lassen uns nur zu leicht vergessen, wer unser Konsumverhalten allzu oft mit seinem Leben und seiner Gesundheit teuer für uns bezahlt.

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Letzte Ausfahrt Foxconn

In Las Vegas tobt diese Woche wieder richtig der Bär: Mit der Consumer Electronics Show (CES) findet im Wüstenstaat der unbegrenzten Möglichkeiten passender Weise eine der weltweit größten und wichtigsten Messen für ungebremsten Konsum statt. Auch dieses Jahr zeigen dort die großen und kleinen der Elektronik-Branche wieder ihre tollsten und spannendsten Neuheiten, wobei stets ein Rekord den nächsten jagt – ganz im Sinne des gesellschaftlichen Anforderungsmottos der westlichen Industrienationen »Höher, schneller und weiter«. Jedes Smartphone hat heute mehr Rechenpower als die erste Mondlandemission, manch ein Fernsehgerät der neuesten Generation bringt es auf eine Displaygrundfläche, die früher einer vierköpfigen Familie als Wohnraum reichte.

Doch bei all dem elektronischen Luxus vergessen wir immer wieder viel zu leicht, dass gerade im bereich Elektronik sehr oft andere für unsere ungebremste Luxussucht die teure Rechnung begleichen müssen. Während wir uns meist schon nicht einmal mehr zwei Jahre gedulden können, bis das nächste Smartphone mit noch besserem Display, schnellerem Prozessor oder mehr Apps gekauft werden muss, um nicht völlig den sozialen Status zu verlieren, werden die Menschen in den Fabriken der asiatischen Auftragsfertiger oft für Hungerlöhne unter unmenschlichen Arbeitsbedingungen, die keiner von uns auch nur eine Woche durchhalten würde, bis in den völligen Burn-out getrieben. Denn nur so ist es möglich, Smartphones zu absoluten Billigpreisen unter 200 Dollar herzustellen und unglaubliche Monster-Margen wie Apple einzufahren. Für unseren technischen Luxus-Genuss schuften teils minderjährige Arbeiter bei Foxconn und anderen Firmen in bis zu 17 Stunden langen Marathon-Schichten mit anspruchsvollsten Produktions- und Qualitätsvorgaben, während sie ungefiltert giftige Dämpfe einatmen und »Arbeitsschutz« allenfalls eine theoretische Größe ist, da ein Menschenleben für einige Hersteller einen deutlich geringeren Wert als die hergestellten Produkte hat.

Nur wenige Tage vor dem Beginn der elektronischen Verkaufsshow in Las Vegas hatte sich wieder einmal deutlich gezeigt, was das für die Arbeiter bedeutet. Nachdem Ihnen eine Lohnerhöhung verweigert worden war, versammelten sich rund 300 Foxconn-Mitarbeiter, die normalerweise Microsofts Spielkonsole Xbox 360 fertigen, auf dem Dach des Firmengebäudes zum kollektiven Selbstmord aus Protest gegen die Arbeitsbedingungen. Erst nach mehrstündigen Verhandlungen konnte die Situation am nächsten Tag wieder entschärft werden. Dennoch zeigen die dramatischen Szenen deutlich, wie sich das Problem immer weiter verschärft. Immerhin sind alleine aus den vergangenen zwei Jahren über 15 Fälle bekannt, in denen sich Foxconn-Mitarbeiter aus Verzweiflung oder Protest selbst getötet haben. Die wirkungsvollste Gegenmaßnahme des Unternehmens zum Schutz seiner Belegschaft besteht bislang in einem Netz, das unter den Bürofenstern aufgespannt wurde, um weitere Selbstmörder aufzufangen.

Microsoft gelobt Besserung

Dabei geht es nicht nur den IT-Herstellern derzeit blendend, auch Foxconn als größter und wichtigster Auftragesfertiger von Branchenriesen wie Apple und Samsung geht es wirtschaftlich hervorragend. Doch bei den Arbeitern kommt vom immensen Wachstum mit Tablet-PCs und Smartphones in den letzten Monaten bisher nichts an. Insbesondere Wanderarbeiter, die keinerlei gewachsene soziale Strukturen vor Ort haben, werden so in den Fabriken schnell zu Opfern der totalen Vereinsamung und Erschöpfung.

Microsoft hat umgehend auf die jüngsten Vorfälle reagiert und gegenüber dem Gamingportal Kotaku angekündigt, die Vorfälle eingehend zu untersuchen und gegebenenfalls auch Konsequenzen zu ziehen: »Microsoft nimmt die Arbeitsbedingungen, in denen unsere Produkte gefertigt werden, sehr ernst. Wir untersuchen derzeit den Vorfall. Microsoft hat einen strengen Vendor Code of Conduct und wir überwachen die Arbeitsbedingungen ständig. Microsoft verpflichtet sich einer fairen Behandlung und der Sicherheit der Arbeiter, die von unseren Herstellern beschäftigt werden«, so ein Microsoft-Sprecher.

Foxconn selbst bot den 300 Mitarbeitern die Wahl zwischen zwei Alternativen an: Entweder sie arbeiten unverändert weiter zum bisherigen Tarif, oder aber sie holen sich ihre sofortige Kündigung samt Abfindung im Personalbüro ab. Schnell wurde jedoch zurückgerudert, dass eine Abfindung nicht in jedem Fall bezahlt werden könne. Zumindest mit dieser Einstellung ist man also schon ganz und gar auf dem Niveau vieler westlicher Unternehmen angekommen.

Auch wenn man als Konsument nur relativ wenig tun kann, um diese Horror-Bedingungen zu verbessern, da nahezu alle Geräte aus ähnlichen Produktionsumfeldern stammen, so sollte man sich dennoch zumindest ab und zu kurz inne halten und bei all der Glitzer-Show auch an diejenigen denken, die unsere schöne neue Gerätewelt teuer mit ihrem Leben und ihrer Gesundheit bezahlen. Ob als Arbeitssklaven in der Produktion, vor unserem Zwischenspiel im Produktlebenszyklus, oder danach als »Recycling«-Unternehmer, die in Afrika und Südamerika die Alt-Platinen auf offenen Müllkippen verbrennen, um seltene Erden und Metalle daraus zu extrahieren.