Exklusiv-Interview mit Ebay-Chef Stephan Zoll:
»Hersteller werden an Ebay nicht vorbei kommen«

von Matthias Hell (matthias.hell@crn.de)

13.10.2010

Ebay plant sein Angebot im Technik-Bereich weiter auszubauen. Wie Deutschlandchef Stephan Zoll gegenüber CRN erklärt, setzt das E-Commerce-Unternehmen dabei nicht nur auf große Etailer, sondern will auch verstärkt mit Herstellern zusammenarbeiten.

CRN: Wow!-Angebote und Hersteller-Shops haben Ebay grundlegend verändert. Doch anders als beispielsweise im Modebereich sind Markenhersteller im Segment Technik und CE noch recht skeptisch gegenüber dem Verkaufskanal Ebay…

Zoll: So wie Ebay in diesem Jahr seine Seite im Modebereich umgebaut hat, wollen wir das 2011 nun auch im Technikbereich fortsetzen. Die Frage ist: Wie kann ein Verkaufsformat wie das Fashion Outlet bei Technikartikeln aussehen? Wir müssen dazu Ebay für die Bedürfnisse der Technikkäufer verbessern und die Seite zum Beispiel mit Testberichten anreichern. Das große Ziel ist es, Ebay in immer mehr Kategorien auszugestalten und zu differenzieren.

CRN: Trotz der immer stärkeren Professionalisierung hält Ebay an einer klaren Erkennbarkeit der jeweiligen Anbieter fest und setzt dabei einen merklichen Kontrast zu Amazon, das auf eine möglichst einheitliche Verkaufsoberfläche setzt. Wie kommen diese unterschiedlichen Ansätze bei den Händlern und Herstellern an?

Zoll: Gerade beim Thema Mode setzen viele Markenhersteller auf einen emotionellen Zugang zum Kunden und räumen daher dem Verkaufsumfeld eine hohe Bedeutung ein. Das trifft auch auf viele Technik-Unternehmen zu. Die Angebotsmöglichkeiten auf anderen Online-Plattformen reichen den Herstellern nicht, sie wollen ihre Marke noch stärker darstellen. Die Markenshops auf Ebay sind hier eine Möglichkeit. Zudem grenzt sich Ebay auch auf andere Weise von Amazon ab: Wir wollen nicht als Händler auftreten, sondern stellen den Marktplatz bereit – und gestalten diesen möglichst attraktiv aus.

»Ebay hat jedenfalls einen langen Atem«

CRN: Gerade im ITK-Umfeld halten sich viele Hersteller aus Angst vor Kanalkonflikten davor zurück, selbst als Verkäufer bei Ebay aktiv zu werden. Haben Sie dafür Verständnis?

Zoll: Natürlich weiß jeder Hersteller selbst am besten, welche Vertriebsformen am besten funktionieren, um die bestehenden Kanäle nicht zu gefährden. Doch am Ende des Tages dreht sich alles um die Frage »Wie kann ich am effektivsten verkaufen?«. Und wie immer bei Neuerungen gilt auch bei Ebay als neuem Vertriebskanal, dass diejenigen am meisten profitieren, die sich am besten darauf einstellen. Sobald in einer Branche ein, zwei große Hersteller dabei sind, kann sich die Einstellung zu einem neuen Kanal insgesamt ändern. Langfristig werden Markenhersteller an Ebay als attraktiver Shopping-Destination nicht vorbei kommen. Denn jede Marke profitiert von ihrer guten Präsenz im Internet und auch bei Ebay. Über den richtigen Rahmen und Einstiegszeitpunkt muss aber jeder Hersteller für sich selbst entscheiden.

CRN: Grundsätzlich scheint das Thema IT, was das Direktgeschäft auf Ebay betrifft, schwieriger zu sein als der CE-Bereich – können Sie das bestätigen?

Zoll: Zum Teil stimmt das, doch hat z.B. ein Hersteller wie Dell gezeigt, dass auch IT sehr gut direkt über das Netz läuft. Ebay hat jedenfalls einen langen Atem und daher sehen wir uns auch bei den IT-Herstellern mittelfristig auf dem richtigen Weg.

CRN: Immer mehr Hersteller und große Etailer verkaufen auf Ebay zu Tiefstpreisen. Wie sollen hier kleine Ebay-Händler mithalten? Werden diese nicht über kurz oder lang von der Plattform verschwinden?

Zoll: Es ist nicht unserem Interesse, kleine Händler zu verdrängen. Natürlich müssen gerade kleine Händler bei Ebay schauen, wo sie für sich einen Wettbewerbsvorteil entdecken. Aber auch im stationären Handel müssen sie nach Bereichen suchen, in denen sie sich mit ihren Preisen etablieren können. Ebay ist heute nicht mehr wie in den Anfangstagen: Man muss mehr tun – dafür sind aber auch die Chancen gestiegen. Der Wettbewerb hat sich intensiviert. Aber das ist weniger ein Ebay-Thema als ein generelles Handelsthema.

Neue Strategie und Technik

CRN: Bei Ebay verändert sich nicht nur die Strategie sondern auch die Technik. Viel Wirbel wurde in letzter Zeit um das Thema Mobile Commerce und die Ebay iPhone App gemacht. Aber werden im mobilen Ebay-Geschäft überhaupt schon nennenswerte Umsätze generiert?

Zoll: Aktuell wird bei Ebay Deutschland alle 35 Sekunden ein Artikel per iPhone verkauft. Und 2009 wurden weltweit über mobile Applikationen Artikel im Wert von mehr als 600 Millionen US-Dollar gehandelt. Dabei bin ich der Meinung, dass gerade das App-Modell Ebay zugute kommt: Inzwischen ist die Menge der verfügbaren Apps so unübersichtlich geworden, dass die Nutzer große Player wie Ebay bevorzugen. Es wird auf dem Mobile Markt zu einer Konsolidierung kommen, bei der wir punkten werden – und das ist ein Argument mehr für Händler und Hersteller, sich für Ebay zu entscheiden.

CRN: Wie weit ist Ebay mit der Umsetzung des von den Kunden schon lange nachgefragten händlerübergreifenden Warenkorbs?

Zoll: Wir haben den händlerübergreifenden Warenkorb vor einigen Wochen in UK für einen Teil der Nutzer eingeführt und sammeln nun erst einmal die Erkenntnisse. Doch wird diese Innovation auf keinen Fall in Großbritannien halt machen: Das Thema ist ein guter Schritt, der Ebay für Käufer wie auch für Verkäufer attraktiver machen wird.

CRN: Ist für Ebay mittelfristig auch die Einrichtung pauschaler Versandkosten für Einkäufe bei mehreren Anbietern nach dem Vorbild von Amazon denkbar?

Zoll: Zunächst wird bei Ebay weiterhin jeder Verkäufer seinen Versand für sich abwickeln. Gemeinsame Versandkosten sind allerdings durchaus einmal vorstellbar. Überhaupt passieren jetzt bei Ebay viele Dinge, die vor kurzem noch nicht denkbar waren. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es der größte Schritt ist, bis eine Innovation in der Basisversion verfügbar ist, danach läuft die Weiterentwicklung recht schnell.