Konsolidierung in der Distribution:
Avnet + Bell: Ein neuer Storage-Riese entsteht

von Samba Schulte (samba.schulte@crn.de)

08.04.2010

Wieder steht eine Übernahme in der von der Konsolidierung geplagten Distributionsszene an: US-Distributor Avnet will den Konkurrenten Bell Micro übernehmen. Die beiden stark ausgebauten deutschen Gesellschaften der Distributionskonzerne zeigen sich von der Elefantenhochzeit überrascht.

(Fortsetzung des Artikels von Seite 2)

Keine Beiträge im Forum. » Diskussion starten!

Avnet-Chef Roy Vallee

Der US-amerikanische Distributionskonzern Avnet, der sich in den vergangenen Jahren bereits mehrfach als Konsolidierer im hart umkämpften Distributionsmarkt hervorgetan hat, steht nun vor seinem (nach gekauften Umsatz) größten Übernahmeprojekt: Avnet will für 252 Millionen Dollar den US-Konkurrenten Bell Microproducts übernehmen. vermeintlichen Schnäppchenpreis kommen noch Schulden hinzu, so dass sich der Wert der Transaktion bei insgesamt rund 600 Millionen Dollar bewegt. Die Führungsgremien der beiden börsennotierten Unternehmen haben der Transaktion bereits zugestimmt. Die Zustimmung der US-Kartellbehörde vorausgesetzt, könnte die Übernahme dann innerhalb von zwei bis vier Monaten erfolgen.

Dann wäre auch eine der größten Übernahmen in der Distribution perfekt: Bell Micro wurde 1988 gegründet und besitzt über 1.900 Mitarbeiter in weltweit 55 Niederlassungen. Im vergangenen Jahr erzielte der Distributor einen Umsatz von drei Milliarden US-Dollar. Avnet machte im vergangenen Geschäftsjahr mit beiden Sparten Technology Solutions und Electronics Marketing weltweit einen Umsatz in Höhe von über 16 Milliarden Dollar. Die Ankündigung der Übernahme stieß sofort auf Begeisterung an der Wall Street: Die Aktienwerte beider Unternehmen stiegen in Folge kräftig.

Und das, obwohl es zu einem recht harten Konsolidierungsfalls kommen dürfte: Denn beide Distributoren sind in vielen Bereichen sehr ähnlich aufgestellt, es sollte bei zahlreichen Redundanzen in thematischer und regionaler Hinsicht zu Streichungen kommen. Avnets Chairman und CEO Roy Vallee betont jedoch gegenüber der US-amerikanischen CRN_Ausgabe: »Bei Avnet und Bell gibt beträchtlich weniger Überschneidungen als man zuerst denken mag.« Der Avnet-Chef sieht beispielsweise in regionaler Hinsicht, die Möglichkeit mit Bell ein starkes Geschäft in der Benelux-Region hinzuzukaufen, womit man sein Europa-Geschäft stärke. Außerdem stärke man die Präsenz in Lateinamerika.

Ratlosigkeit in Deutschland

Aber nicht in allen Ländern ergänzen sich die beiden Distributoren sinnvoll. In Deutschland sind Avnet und Bell Micro als starke Wettbewerber im Lösungsgeschäft mit Servern und Storagesystemen sowie bei Komponenten aktiv. Die Niederlassungen der beiden wurden in den vergangenen Jahren kräftig ausgebaut. Avnet musste beispielsweise bereits mehrere zugekaufte Geschäftseinheiten, darunter auch das HP- und IBM-Geschäft der Magirus AG, in die Zentrale in Nettetal integrieren. Bell Micro hat erst vor zwei Jahren ein neues Lager in Poing, in das man rund eine halbe Million Euro investierte bezogen. In unmittelbarer Nachbarschaft zu Avnet, die ebenfalls im Vorort des Munican Valley, etwa mit einer Komponenten-Unit, vertreten sind.

Vorerst reagiert man eher ratlos auf die überraschende Ankündigung aus Übersee. Avnet-Chef Gerhard Hundt, der nach seinem angekündigten Rückzug als Deutschland-Chef weiter Projekte für den Avnet-Konzern betreuen wird, könne zum jetzigen Zeitpunkt jedenfalls noch kein Statement zur Übernahme abgeben, wie das Unternehmen auf Nachfrage von Computer Reseller News mitteilt. Auch bei Bell Micro heißt es fürs erste: Es wird alles weiter gemacht wie bisher auch. Klar aber ist: Eine Integration beider Landesgesellschaften wird in jedem Fall eine Herausforderung für die deutschen Manager, Streichungen scheinen jetzt schon unausweichlich.

Riesenfusion bei Festplatten

Die Zielrichtung der weltweiten Integrationsmaßnahmen hat Avnet-Chef Vallee bereits vorgegeben: Alle Distributionseinheiten Bells (die Firma hat in den USA auch noch zwei Service-Firmen, die Avnet nicht integrieren will) werden entsprechend in die Avnet-Einheiten Avnet Technology Solutions (VAD) und Avnet Electonic Marketing (Bauteile) integriert. Vallee rechnet durch die Übernahme Bell Micros mit einer Verstärkung seines Storage-Systeme-Geschäfts. Insbesondere auch, weil Bell auch als Integrator von Storage- und Serversystemen aktiv sei. Darüber hinaus scheint es dem CEO vor allem das Festplattengeschäft der Bell Micro angetan zu haben: »Wir haben bereits ein gutes Festplattengeschäft, aber mit Bell stoßen wir hier in größere Absatzbereiche vor.« Bell Micro ist auch hierzulande einer der größten Festplattenlieferanten. Beide vertreiben die größten Festplattenhersteller Seagate, WD, Toshiba, Hitachi und Samsung. Neben ihrem Server-/Storage-Value-Business und dem Komponenten-Geschäft haben sich beide Distributoren zuträgliche oder zumindest aussichtsreiche Zusatzgeschäfte angeschafft. Avnet ist Exklusiv-Vermarkter der Monitormarke Eizo und hat sich über Aquisitionen in den Bereichen DMS und Data Capture verstärkt. Bell Micro ist erfolgreich in den Bereichen Digital Signage und Industriefertigung tätig.

Wie Vallee CRN USA verriet, sei eine mögliche Übernahme schon früh Thema zwischen ihm und dem Bell Micro-Mitbegründer und CEO Don Bell: Man kenne sich seit den siebziger Jahren, immer wieder habe man überlegt, wie man beide Firmen zueinander brächte. Aber erst als Bell nach kurzzeitigem Delisting die strengen Auflagen bezüglich der offen zu legenden Finanzdaten der Technologiebörse Nasdaq wieder erfüllt hatte und an die Börse zurückkehrte, war der Weg für eine Übernahme frei. Donald Bell kündigte an, er unterstütze die Übernahme »mit ganzem Herzen« und werde noch eine Weile aktiv bleiben. Für mindestens ein Jahr, fügt Vallee hinzu, denn der Bell-Chef solle eine möglichst sanfte Integration als Berater begleiten. Darüber hinaus habe er aber keine verantwortung fü das operative Geschäft.

Avnet stärkt sich mit dieser Akquisition vor allem gegen den US-Wettbewerber Arrows, der weltweit cirka 15 Milliarden Dollar Umsatz generiert und ganz ähnlich aufgestellt ist. In Deutschland ist der VAD als IT-Distributor mit der ehemaligen DNS in Fürstenfeldbruck und Microtronica vertreten. Aber auch den Ambitionen der Broadliner Ingram Micro oder Tech Data/Azlan, in das Value-Geschäft vorzudringen, kann man nun mehr Gewicht entgegensetzen.

Verwandte Artikel